Ma Nishma

ma-nishma-daniel-kleinViermal jährlich erscheint das Rundschreiben für unsere Mitglieder. Darin gehen wir mit namhaften Autoren aktuelle

Themen an, berichten über jüdisches und christliches Leben und schreiben über Eckpunkte unserer Vorstandsarbeit. Zusätzlich geben wir Hinweise auf aktuelle Termine und auch die aktuellen Feiertage.

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis des aktuellen Rundschreibens Nr. 78

1. Zum Gedenken an die Pogromnacht
Eine Erinnerung an die Familie Frank aus Ichenhausen

2. Impressionen von Erfurt und der Wartburg

3. Topf und Söhne - Ein Lehr-und Erinnerungsort in Erfurt

4.Hachschara - die Vorbereitung junger Juden auf die Alija

5. Jüdische Feste:

6. Veranstaltungen

 

 

 

Topf & Söhne – ein Lehr- und Erinnerungsort in Erfurt


Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Am 27. Januar 2011 wurde der Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz auf dem ehemaligen Firmengelände eröffnet.

Topf & Söhne, eine renommierte Firma des ausgehenden 19. Jahrhunderts entwickelte sich unter dem Naziregime zu einem Zulieferer für den Massenmord in Auschwitz. Leichenverbrennungsöfen und Gaskammer-Lüftungstechnik wurden bei Topf & Söhnen konstruiert, technisch verbessert und in Auschwitz installiert.

Nicht unbekannt bei der Belegschaft war dieser wenn auch in der Produktionsreihe dieser Firma kleine Zweig und seine Verwendung. So fragt man sich zu Recht, wie es sein kann, dass sich ehrgeizige Mitarbeiter dazu hergaben, die Technik der Verbrennungsöfen oder die Lüftung der Gaskammern noch effizienter zu entwickeln, um so auf ein höheres Gehalt zu drängen. Nicht nachvollziehbar ist ebenfalls, wenn Kommunisten, ehemalige Widerstands-kämpfer, in den Personallisten zu finden sind, ebenso ein Jude. War es die Angst vor der Deportation, die sie zum Schweigen brachte?

Oder war es ganz banal einfach der Wunsch, gute Arbeit zu liefern, ohne darüber nachzudenken, wofür diese Produktion diente? Man fühlt sich an den Ausspruch von Hanna Arendt von der „Banalität des Bösen“ erinnert.

Die Antwort bleibt offen.

Das Unternehmen wurde 1948 enteignet und konnte zunächst unter dem Namen „Nagema Topfwerke Erfurt VEB“ ihre Tätigkeit fortsetzen.

Ernst-Wolfgang Topf hatte sich nach Westdeutschland abgesetzt und gründete das Unternehmen Topf im Jahr 1951 in Wiesbaden neu, ging damit jedoch 12 Jahre später in Konkurs.

1997 gab der Kulturwissenschaftler Eckhard Schwarzenberger erstmals Anstöße für einen bewussten Umgang mit dem ehemaligen Unternehmensgelände, dessen Geschichte zu diesem Zeitpunkt aus dem Gedächtnis der Stadt und ihrer Bürger weitgehend verschwunden war.

In der Ausstellung im ehemaligen Verwaltungsgebäude wird die Entwicklung der Firma von bescheidenen Anfängen bis zur Produktion und Installation von Verbrennungs-öfen in Auschwitz gezeigt. Schriftverkehr von Mitarbeitern, die um mehr Gehalt angehen unter Hinweis auf ihre Verbesserungen an den Verbrennungsöfen, lassen das kalte Grausen kommen. Auf Fotos werden die Öfen mit dem Schriftzug Topf & Söhne gezeigt; man hatte offenbar keinerlei Skrupel, seine Mittäterschaft darzustellen.

An keinem anderen zivilen Ort waren die mit der Praxis der industriellen Vernichtung von Menschenleben verbundenen Fragen mehr präsent als in diesem Erfurter Unternehmen: als Auftrag, als Arbeit, als technologische Herausforderung.

Die heutigen Nachfahren der früheren Besitzer haben das Gelände für diese Gedenkstätte freigegeben. Ist es eine Wiedergutmachung an den Nachfahren der Opfer? Jedenfalls ist es ein Ort der Mahnung, der uns unter anderem auch vor Augen führt, wie leicht verführbar und auch verfügbar Menschen mit den Verlockungen des Geldes gemacht werden können.

Felicitas Samtleben-Spleiß
www.topf-holocaust.de
de.wikipedia.org/wiki/J._A._Topf_und_Söhne

 

 

Jüdische Feste

Im September und Oktober haben die Juden Rosch ha Shana und das Versöhnungsfest Jom Kippur gefeiert. Mit Sukkot und Simchat Tora endet die lange Festzeit.

 Sukkot – Laubhüttenfest

 Sukkot, das dritte Wallfahrtsfest, ist das letzte Erntefest im Bauernjahr, das Fest der Weinleseund Obsternte. Früchte, Wein und Öl wurden während des achttägigen Festes zum Tempel gebracht.

Auch dieses Fest wurde mit einem historischen und theologischen Inhalt belegt. Die leichten Hütten, in denen die Bauern während der Erntezeit auf den Feldern lebten, wurden zu Laubhütten und erinnern jetzt an den vierzigjährigen Zug durch die Wüste. Ohne feste Häuser, immer auf dem Weg, war man ganz auf den Schutz Gottes angewiesen. Und auch jetzt sind feste Häuser, Reichtum und Erfolg nur scheinbare Sicherheiten. Das soll die Laubhütte zeigen, die sich möglichst jede Familie bauen soll. Sie muss drei Wände haben, das Dach darf nur aus Zweigen bestehen, durch die man den Himmel und die Sterne sehen kann.

In dieser festlich geschmückten Laubhütte wird eine Woche lang gefeiert, gegessen, studiert und geschlafen. Arme, Einsame, Obdachlose sollen eingeladen werden. Seit dem 16. Jh werden auch symbolisch sieben besondere Gäste eingeladen, jeden Tag ein anderer: Abraham, Isaak, Jakob, Josef, Mose, Aaron und David.

Zum Fest gehört unbedingt der Feststrauß, der Lulaw. Er besteht aus vier Arten: Einer Etrogfrucht, die gut schmeckt und einen angenehmen Duft hat, einem Palmzweig, dessen Früchte wohlschmeckend sind, aber nicht duften, drei Myrthenzweigen, die duften, aber keinen Geschmack haben, und zwei Bachweidenzweigen , die weder duften noch gut schmecken. Bedeutung: Vier Arten von Juden: Wohlgeschmack steht für das Studium der Tora, Duft für gute Taten. Aber alle zusammen gehören zum Volk Gottes!

Der Strauß wird täglich, außer am Sabbat, in die vier Himmelsrichtungen geschwenkt mit der Bitte, das Volk Israel möge aus allen Richtungen wieder in Zion versammelt werden.

In der Synagoge wird um eine gute Ernte im kommenden Jahr gebetet. Man zieht mit dem Lulaw in einer Prozession um die Torarolle und spricht dabei bestimmte Gebete (Hoschanot) .Am siebten Tag sieben Rund-gänge! Hoschana Rabba.

Die Lesung am letzten Tag aus Sacharia spricht von der Friedensvision : Dann wird der Herr König sein über alle Lande. Zu der Zeit wird der Herr der Einzige sein und sein Name einzig.(Sacharia 14,6)

 Quellen: Krabbe: Freuet euch mit Jerusalem. Schoeps:Neues Lexikon des Judentums.

 

Zur Zeit des Tempels wurde an den Zwischenfeiertagen von Sukkot das Wasserschöpffest gefeiert.

 Wasserschöpffest

 Das Wasserschöpffest wird in der Bibel nicht erwähnt. Man kennt es aus dem Talmud. Dort steht: Wer noch nie ein Wasserschöpffest erlebt hat, der weiß nicht was Freude ist!

Gefeiert wurde es an den Zwischenfeiertagen von Sukkot im Frauenhof des Tempels. Ein Zaun wurde gezogen, sodass für Männer und Frauen getrennte Abteilungen entstanden. Auf den 15 Stufen, die zum Israel-Hof hinaufführten, standen Leviten mit ihren Instrumenten, Geigen, Harfen, Zimbeln, Trompeten und zahllosen „Klei schir“, Musikinstrumenten. Auf der obersten Stufe standen zwei Cohanim und bliesen die Trompete.

Aus dem Schiloa-Teich wurde Wasser geschöpft und über den Altar gegossen. Es befanden sich auf dem Altar zwei Öffnungen (Abflüsse?), in die täglich nach dem Opfer Wein gegossen wurde. Dahinein wurde auch das Wasser gegossen.

Auf dem Hof waren goldene Leuchter aufgestellt, die Dochte waren aus Teilen von Priesterkleidern (die ja, wenn sie unbrauchbar geworden waren, nicht weggeworfen werden durften!) Dann stiegen Priester auf 25 m hohen Leitern zur Spitze der Leuchter hinauf und gossen aus großen Kannen (ca 50 l) Öl in die Leuchter. Das Licht, das durch diese Leuchter entstand, war so hell, daß kein Hof in Jerusalem dunkel blieb. Es war hell genug, dass man hätte Weizen sammeln können.

Die Menschen tanzten, Männer jonglierten dabei mit vier oder acht Fackeln. Lieder zur Ehre Gottes wurden gesungen.

Die musizierenden Priester und die Cohanim zogen die 15 Stufen hinauf (schirei ha maalot, Aufstiegsgesänge werden die entsprechenden Psalmen in der hebräischen Bibel genannt, Luther übersetzt es mit Wallfahrtslieder) und verließen den Platz durch ein Tor auf der Ostseite. Dann wandten sie sich wieder dem Tempel zu und sagten: Unsere Väter standen mit dem Gesicht zur Sonne und dem Rücken zum Tempel. (Götzendienst). Wir stehen Gott zugewandt.

Das Wasserschöpffest war kein Bitt-gottesdienst um Wasser, sondern ein Fest zur Ehre Gottes. Das Feuer ist ein Ausdruck der Freude, die Fackeln versinnbildlichen die Tora

Man dachte wohl auch an das Wort in Jesaja 12: Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils.

Seit der Tempel zerstört ist, gibt es auch das Wasserschöpffest nicht mehr. Ob nicht eine Spur davon in das Fest Simchat Tora eingeflossen ist? Es wird am Ende von Sukkot gefeiert und dabei wird mit den Torarollen getanzt. Die Tora, die Brautgabe Gottes, die Heimat zum Mitnehmen, ist noch immer Anlass zu Freude und Fest.

 Quelle: Talmud Mischna Sukka V, 1-4

 

 Simchat Tora

 

Simchat Tora wurde zu biblischer Zeit des Tempels nicht gefeiert. Man kennt es erst aus dem 9.(?) Jahrhundert.

In jedem Sabbatgottesdienst wird der Wochenabschnitt aus der Tora gelesen, und innerhalb eines Jahres liest man auf diese Weise die ganze Tora.

Aber kaum ist man mit dem Lesen fertig, beginnt man schon wieder von vorne: Man wird nie fertig mit dem Studium der Tora.

Zu-Ende-Lesen und Neubeginn werden seit dem 7. Jahrhundert mit einem Fest begangen, dem Fest der Wegweisung, dem Torafreudenfest Simchat Tora. Es schließt sich unmittelbar unmittelbar an das Sukkotfest an.

Sämtliche Torarollen, die die Gemeinde besitzt, auch solche, die nicht mehr in Gebrauch sind, werden aus dem Toraschrein ausgehoben und von den männlichen Gemeindegliedern siebenmal um den Almemor (Podium für die Schriftlesung) getragen. Immer wieder werden die Rollen weitergegeben, denn es ist eine große Ehre und Freude, sie zu halten. Martin Buber erzählt von Rabbi David Mosche, der, schon alt und schwach, eine besonders schwere Rolle trug. Jemand wollte ihm zu Hilfe kommen, aber er sagte: Wenn man sie erst hält, ist sie nicht mehr schwer.

Die Zeremonie erinnert wieder an die Vermählung der Tora mit der Gemeinde. Damit ist das Fest so etwas wie ein Hochzeits-gedenkfest!

Eine besondere Ehre ist es, wenn man den letzten oder dann den ersten Abschnitt lesen darf.

Der Leser des letzten Abschnittes ist der Chattan Tora (Bräutigam der Tora), der des sogleich folgenden ersten Abschnitts der Chattan Bereschit (Bräutigam des Anfangs)

Auch die Kinder sollen etwas davon merken, wie süß und lebenspendend das Wort Gottes ist. Fähnchen schwenkend begleiten sie die Hafakot, die Prozession der Rollen. Sie werden mit Süßigkeiten beschenkt. In manchen Gemeinden wird auf der Bima ein Gebetsschal wie ein Baldachin aufgespannt, mit Süßigkeiten beladen. Alle Kinder versammeln sich unter diesem Baldachin und werden mit den Süßigkeiten überschüttet.

In Jerusalem zieht man unter Jubel und Tanz zur Westmauer, wo bis in den Morgen gefeiert wird. Hier an der Mauer, dem letzten Rest der

Stützmauer des Tempelplatzes, fühlt man sich Gott besonders nahe. Hier wartet die Schechina, die gnädige Gegenwart Gottes.

 Quellen: Krabbe: Freuet euch mit Jerusalem