Zur Rede von der "jüdisch-christlichen" Kultur

Kein banaler Philosemitismus.
Zur Rede von der "jüdisch-christlichen" Kultur


HANSPETER HEINZ

 

Das Judentum – eine ethische Religion

aufgaben-und-ziele-madonna-kleinDas Judentum, die älteste Religion der Welt, ist vor allem eine ethische Religion, die das Handeln Gottes in der Geschichte und das Handelns der Menschen bedenkt. Juden haben nie ein spekulatives System von Gott und Welt entwickelt wie christliche Dogmatiker oder deutsche Idealisten.

Wohl waren sie immer herausgefordert zur Verteidigung ihres Glaubens. Religion und Vernunft ist darum ein durchgängiges Thema ihres Denkens. Hat der Vorrang der Ethik bei Hans Jonas und Emanuel Levinas hier seinen Ursprung?

 

Ein amerikanischer Freund, Michael Signer, forderte ein: „Wer uns Juden und das Judentum schätzt, muss uns studieren. Denn für Juden ist Studium Gottesdienst.“ Vielleicht verdankt sich dieses Ethos der Kultur des Talmudstudiums. Vielleicht gibt es deshalb unter Juden so viele Wissenschaftler von Weltrang.

Aus all dem ergibt sich eine Reihe von Postulaten: Keine politische Instrumentalisierung der Juden gegen den Islam! Das fällige Religionsgespräch darf aus christlicher Sicht aber nie unterschlagen, dass das Verhältnis des Christentums zum Judentum einzig ist und in jeden Dialog mit einer anderen Religion einbezogen werden muss. Keine vollmundige Beschwörung einer jüdisch-christlichen Leitkultur! Solche Banalisierung ist eine Form von Philosemitismus, vor der man Juden bewahren sollte. Not tut eine nüchterne historische Untersuchung über die Verbindung des Judentums mit der deutschen Kultur und dem Christentum.

Zur weiteren Gestaltung der Kultur Europas und der Welt bedarf es der Anstrengung des Denkens! Nur über die Vermittlung der Aufklärung lässt sich über säkulare Werte sprechen. Nicht weil sie christlich oder jüdisch sind, sondern weil sie vernünftig sind, verdienen sie Zuspruch. Aber es geht auch nicht ohne Theologie. Denn wie Religion wesentlich zur Eskalation der Spannungen beigetragen hat, muss sie auch zu ihrer Deeskalation herangezogen werden.In Fortführung des Konzils hat Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Mainz 1980 gesagt, der eigentliche Dialog zwischen Juden und Christen sei der Dialog der heutigen Kirche mit dem heutigen Judentum. Gottes Wirken im Volk des „ungekündigten Alten Bundes“ in Geschichte und Gegenwart, in religiöser und säkularer Gestalt verdient weit mehr Wertschätzung von Christen und Kirche.

Wir haben gesehen: genau das war auch die Auffassung von Harnack und  anderen im 19. Jahrhundert und sie bietet wiederum Anhaltspunkte für christlich-jüdische Verständigung, wenn sie jenseits des dogmatischen Anspruchs vom kerygmatischen Christus bleibt. Ganz unverfänglich jedoch ist sie nicht. Denn wenn man Jesus ein Mehr an Vitalität zuspricht, muss man dann nicht im Umkehrschluss seiner jüdischen Umwelt und dem sich daraus entwickelten modernen Judentum Lebendigkeit absprechen?

Dem gegenüber steht die Sicht Samuel Sandmels (We Jews and Jesus.- New York, London 1965), Professor am Hebrew Union College Cincinnati. Seiner Ansicht nach ermöglichen die neutestamentlichen Schriften gar keinen Blick auf den historischen Jesus, sondern geben nur einige karge Fakten. Einerseits war Jesus Lehrer, doch andererseits war dessen Lehre ohne erkennbare Originalität. Einerseits hielt Jesus sich für den Messias, doch andererseits starb er den römischen Märtyrertod. So gesehen ist aber der historische Jesus nicht fassbar, man könne über ihn nur berichten, was die Evangelisten über ihn schrieben.

Diese Haltung vertritt auch der Basler Judaist und Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich, der heute mit seiner Frau unter uns weilt (Eine jüdische Auffassung von Jesus 1976): er meint, die neutestamentlichen Quellen sagen zu wenig über den Menschen und Juden [Jesus] aus, weil sie im Glauben und im Blick auf den Christus verfasst worden sind. Der historische Jesus kann durch die Rückfrage hinter das neutestamentliche Kerygma nicht ermittelt werden. „Trotz intensiver wissenschaftlicher Forschung dürfte es wohl niemals gelingen, ein volles Bild vom ‚historischen Jesus’ wieder gewinnen zu können“ Im Unterschied zu vielen anderen Jesusinterpreten des Judentums sieht Ehrlich vor allem zwei gesicherte Resultate: die Binsenwahrheit, dass Jesus Jude war, und Jesu Kreuzestod. [Ernst Ludwig Ehrlich: Eine jüdische Auffassung von Jesus.- in: W.P. Eckert und H.H. Henrix (Hg.): Jesu Jude-Sein als Zugang zum Judentum, Aachener Beiträge zu Pastoral- und Bildungsfragen 6/1976, S. 35 – 49].

Die eigentliche Provokation von Jesu Leben stecke in seiner Verkündigung der Nähe des Reiches Gottes und in seiner Forderung, Gottes Willen so zu erfüllen, wie er ihn verstand. „Diese apokalyptische Gestimmtheit hatte zur Folge“, so Ehrlich, „dass Jesus gesetzeskritisch war“ und sich somit durchaus von seiner pharisäischen Umwelt abhob.

Hier stimmt er mit dem Erlanger Religionsgeschichter Hans-Joachim Schoeps überein, der bei Jesus „eine scharfe Kritik und Verurteilung gewisser jüdischer Verhaltensweisen“ erkannte  [Jesus und das jüdische Gesetz.- in: ders. Studien zur unbekannten Religions- und Geistesgeschichte.- Göttingen 1963, S. 41 – 61. Die großen Religionsstifter und ihre Lehren.- Darmstadt 1954, S. 75]. Die Ursache mit Jesu Konfliktsituationen mit den Pharisäern sieht Schoeps in dessen anderer Einschätzung „des alttestamentlichen Gesetzes“ begründet. Damit heben sich Ehrlich und Schoeps in ihrer Beurteilung von der überwiegenden Mehrheit ihrer jüdischen Kollegen, vor allem Schalom Ben-Chorin und Pinchas Lapide ab.

Für Sandmel, Ehrlich und Schoeps lassen sich wenige gesicherte Aussagen über den ‚historischen Jesus’ machen. Das Jesusbild von Hans-Joachim Schoeps ist von der Einsicht bestimmt, „dass die Rekonstruktion des ‚Urjesus’, des Jesus, wie er wirklich gewesen ist, bei der vorliegenden Quellenlage aus den uns zugänglichen Evangelienstoffen gar nicht möglich ist“ [Religionsstifter, S. 60].

Hinzu kommt eine Kritik an einigen Formen jüdischer Würdigung Jesu. Gegenüber jüdischen Stimmen der Leben-Jesu-Forschung, die der Gestalt Jesu Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit zumessen (z.B. David Flusser), weist Sandmel mit Nachdruck darauf hin, dass diese Attribute für einen religiösen Juden allein Gott zukämen, jedoch niemals einem Menschen. Menschen aber können nach jüdischem Verständnis bestenfalls „groß“ sein. Solche „Größe“ misst Sandmel Jesus bereitwillig zu: „Nur ein Jude, der einzigartige Qualitäten auf sich vereinigt, könnte andere Juden von seiner Wiederauferstehung überzeugt haben.“ 

Welches Bild von Jesus ergibt sich? Man könnte es so umreißen: Jesus war ein bedeutender Mann für seine Zeit, doch er war kein vollkommener Mensch, und auch als bedeutender Mann nimmt er keine Sonderstellung ein, denn das Judentum hat viele große Männer hervorgebracht. Irgendeine religiöse Würde kommt Jesus nicht zu, als Phänomen und fester Bestandteil der abendländischen Kultur sei er aber unübersehbar auch für Juden.

Jesus mehr zuzuerkennen, sieht Ernst Ludwig Ehrlich keinen Anlass, weil sich durch ihn „nichts, gar nichts“ geändert habe. Und Ehrlich fügt als Einsicht hinzu: „Das Judentum hat niemals den einen Lehrer gekannt, nur die Kette der Lehrer, den Strom der Tradition. Es hat sich stets dagegen gesträubt, einen einzigen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.“ „Das tiefste Missverstehen zwischen Juden und Christen“ sieht Ehrlich darin angelegt, dass Juden „ein vollgültiges religiöses Leben führen [können], ohne je etwas von Jesus und dem Evangelium gehört zu haben“.

Die Leben-Jesu-Forschung von Christen und Juden kommt durch das Buch Benedikt XVI. in den Genuß ganz neuer Aufmerksamkeit. Denn Joseph Ratzinger ist der historische Jesus zu mager geworden, den die Wissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte übriggelassen hat. Interessant ist der jüdische Anlass, den Kardinal Christoph Schönborn bei der Buchpräsentation in Rom preisgab: Rabbiner Jacob J. Neusner habe den Pontifex zu seinem neuen Werk angeregt, durch sein Buch „Ein Rabbi spricht mit Jesus“. Die jüdische Beschäftigung mit Jesus kann also auch Christen motivieren, über diesen bedeutenden Juden nachzudenken, und sich daran zu erinnern, dass seine jüdische Herkunft kein kultureller Zufall war, sondern ein Teil der Heilsgeschichte. [Johannes Paul II: Address to a symposium on the roots of Anti-Judaism in Rome, 31th of October, 1997; in: Henrix, Hans Hermann / Kraus, Wolfgang (2001): Die Kirchen und das Judentum, Bd. 2: Dokumente von 1986-2000, Paderborn – Gütersloh 2001, 109)].

War Jesus aus jüdischer Sicht Pharisäer und Schriftgelehrter? Vielleicht. War er bedeutend? Ohne Zweifel. War er der Messias oder gar der Sohn Gottes? Aus jüdischem Verständnis nein.

Im Rahmen dieser Antrittsvorlesung konnte ich die jüdische Leben-Jesu-Forschung im 19. und 20. Jahrhundert nur exemplarisch skizzieren. Wichtig war mir vor allem aufzuzeigen, warum Juden anfingen, diesen Jesus näher kennenzulernen. Die Intention war apologetisch: Juden wollten Juden bleiben und trotzdem Teil der christlichen Gesellschaft sein. Wie gut also, dass Jesus Jude war.

Benedikt XVI. hat dem auferstandenen Christus gerade wieder neuen Glanz für die Kirche verliehen. Der jüdische Blick geht auf einen von uns, der es weit gebracht hat, als Mensch den Menschen Gottes Willen nahezubringen.

Der Autor

HANSPETER HEINZ

Heinz studierte von 1959 bis 1966 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom Philosophie und Theologie. Promotion an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Fach Dogmatik; 1982 Habilitation. 1983 wurde er auf den Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg berufen. Von 2000 an war Heinz Prorektor der Universität Augsburg.

Er ist Mitglied der Vollversammlung des ZdK sowie im Senat der Universität Augsburg.

Er leitet den 1971 gegründeten Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dem derzeit 16 Katholiken und 12 Juden angehören.