Jüdische Feste
Im September/Oktober haben Juden zwei wichtige Feiertage: Rosch haschana (Neujahr)
und Jom Kippur.
Bei beiden Festen und bei den dazwischen-liegenden Tagen der Besinnung geht es um Umkehr und Vergebung.
Rosch haschana
Umkehr und Buße spielen im Judentum eine große Rolle. Wann soll ich umkehren? Am Tag vor deinem Tod. Also täglich, denn ich weiß nicht, wann der letzte Tag meines Lebens ist. Die Tore der Umkehr stehen immer offen. Wenn ein Mensch eine Pforte zur Teschuba öffnet, und sei sie so schmal wie die Spitze einer Nadel, dann öffnet Gott Tore, die so breit sind, daß selbst ein Wagen nebst Gespann hindurchkann. (Schir ha Schirim Rabba 5,3).
Wenn ich von meinen Sünden umkehre, so kehrt Gott um von seinem Zorn.
Ritualisiert sind Buße und Umkehr in den zehn Bußtagen von Rosch haschana bis Jom Kippur. Schon im Monat Elul, der dem Neujahr vorausgeht, wird in der Synagoge das Schofar geblasen. Im Morgengottesdienst werden die Slichot, die Bitten um Vergebung gesprochen.
Rosch ha schana ist kein ausgelassenes, son-dern eher ein ernstes Fest. Es ist ja der Beginn der Gerichtstage. Aber man weiß: Gott ist nicht ein unbarmherziger Richter, sondern ein liebender Vater. Deshalb bestimmt nicht Angst, sondern Vertrauen diese Tage der Selbstbesinnung. Man betet: Unser Vater, unser König.... Man weiß: Wenn das Schofar ertönt, setzt sich Gott auf den Stuhl des Erbarmens. Man bittet: Schreibe mich ein in das Buch des Lebens. Denn nun werden die Bücher aufgetan. Und man ist sich sicher: Durch Umkehr, Wohltätigkeit und Gebet kann Gott umgestimmt werden.
Zu Hause gibt es besondere Speisen: Apfelstücke werden in Honig getaucht: Es soll ein süßes Jahr werden. Granatäpfel mit ihren vielen Kernen sind Symbol für Leben und Fülle, Glück und Segen. Man wünscht sich gegenseitig: Mögest du eingeschrieben sein zu einem guten Jahr.
Die folgenden zehn Ehrfurcht gebietenden Tage (Jomim noraim) sind Tage der Selbstbesinnung. Mit sich und den Mitmenschen soll man ins Reine kommen. Denn Gott vergibt nur die Sünden, die wir gegen ihn begangen haben. Haben wir Mitmenschen Unrecht getan, so müssen wir sie um Vergebung bitten, wenn nötig mehrmals. Und wir sollen bereit sein, denen zu vergeben, die uns für begangenes Unrecht um Vergebung bitten.
Jom Kippur
Jom Kippur ist der höchste Feiertag im jüdischen Jahr. Zu biblischen Zeiten war es der einzige Tag im Jahr, wo der Hohepriester das Allerheiligste betrat, den Namen Gottes aussprach und Vergebung für das Volk erbat. Zur Entsühnung wurde ein Bock geschlachtet, ein zweiter Bock, dem symbolisch die Sünden des ganzen Volkes auferlegt wurden, wurde in die Wüste gejagt (Levitikus 16).
Es gibt keinen Tempel mehr und keine Tieropfer. Gott braucht sie nicht. Er braucht nur unser Herz. Jom Kippur ist ein Tag der Buße, der Selbstbesinnung und des Gebets. 24 Stunden lang wird gefastet. Die Männer tragen in der Synagoge ein weißes Gewand, das sie an ihren Tod erinnern soll. Es gibt insgesamt fünf Gottesdienste.
Rabbiner Magonet bezeichnet die Selbst-besinnung mit der Reise des Helden auf der Suche nach einem Schatz. Dabei hat er viele Proben zu bestehen. Jeder Kulturkreis kennt solche Geschichten. Die Reise beginnt immer mit einem Ruf, einem Auftrag. Und sie hat viele Stationen, bis der Schatz gefunden ist und der Held in seine Welt zurückkehren kann.
Jom Kippur beginnt mit dem Abendgebet. Die Menschen werden als Gemeinschaft und als Einzelne angesprochen: In dieser Stunde steht ganz Israel vor seinem Gott. Jeder einzelne möge sich prüfen.
Man betet: Ich vergebe allen, die sich gegen mich verfehlt haben.
Ich bitte: Tilge aus, wo ich mich gegen dich verfehlt habe.
Kollektiv stellt man sich in die Gemeinschaft: Wir und unsere Vorfahren haben gesündigt. Wir waren arrogant, boshaft, charakterlos... Unser Vater, unser König, verzeih uns und gib uns Versöhnung.
An diesem Abend wird das Kol Nidre (alle Gelübde) gesungen. Dabei bittet man Gott um Lossprechung von allen Gelübden ihm gegenüber, die man unbedacht getan hat und die man nicht halten konnte, zugleich auch für die, die man im kommenden Jahr tun wird. Alle Gelübde, Selbstbestrafungen und Schwüre, die wir von diesem Versöhnungstag an bis zum kommenden Versöhnungstag geloben und schwören werden, sie alle will ich bereuen. Sie alle seien aufgelöst, erlassen und aufgehoben, für ungültig und vernichtet erklärt.
Psalmen werden gebetet: Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir....
Morgengebet: (Tefilat Schacharit)
Wir denken darüber nach: Was sind wir? Was ist unser Leben? – Jeder muss zwei Taschen haben, nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können: Fühlen wir uns klein und niedergeschlagen, so hilft uns das Wort in der rechten Tasche: „Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden“ (mSanh 4,5), und in der linken sagt uns ein Wort dann, wenn wir überheblich und zu selbstgewiss sind: „Ich bin Erde und Asche“ (Gen 18,27)
Die zehn Gebote werden gelesen.
Mittagsgebet (Mussafgebet)
Hier sprach der Priester den Namen Gottes aus. Jetzt sind wir die Priester.
Hier wurde der Bock auf dem Altar geopfert. Jetzt sind unsere Tische der Altar.
Gott will nicht unsere Opfer, sondern unsere Hingabe.
Beim Nachmittagsgebet (Mincha) wird das Buch Jona gelesen. Die Kraft der Entscheidung, zu Gott umzukehren, gilt auch für die Nichtjuden!
Man gedenkt der Verstorbenen, auch der Holocaustopfer und schließt mit dem 23. Psalm: Der Herr ist mein Hirte.
Das Schlußgebet Neila schließt den Tag ab. Die Tore sind geschlossen, das Buch wird gesiegelt. Das Urteil ist gesprochen. Erleichterung, Ruhe und Gewißheit breiten sich aus: Wir haben das größte Geschenk bekommen, das es gibt: Vergebung.
Wir sind dein Volk, DU bist unser Gott. Glücklich sind die, denen die Schuld vergeben ist.
Mit dem Bekenntnis Höre Israel und dem Segen klingt der Gottesdienst aus.
Der Schatz ist gefunden, jetzt gilt es, ihn im Alltag zu bewahren.
Quelle: Magonet, Das Jüdische Gebetbuch, Gebete für die hohen Feiertage. Gütersloher Verlagshaus
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Jüdische Texte zum Thema Vergebung
Sobald Gott sieht, dass die Welt die Vernichtung verdient, erhebt er sich vom Stuhl des Rechts und setzt sich auf den Stuhl der Barmherzigkeit (Babylonischer Talmud)
In den Sprüchen der Väter steht: Man fragte die Weisheit: Was geschieht, wenn jemand sündigt? Sie antwortete: Böses wird die Sünder verfolgen (Spr. 13,21) Man fragte die Prophetie: Was geschieht, wenn jemand sündigt? Sie sagte: Die sündige Seele wird sterben. Man fragte die Tora: Was geschieht, wenn jemand sündigt? Sie antwortete: Der soll ein Schuldopfer bringen und sich Sühne schaffen Man fragte Gott – Gottes Heiligkeit sei gepriesen – Was geschieht, wenn jemand sündigt? Gott antwortete: Der kehre um, und er wird gesühnt werden. Was fragt ihr, meine Kinder? Sucht mich, so werdet ihr leben. (Amos 5,4) Persikta de Raw Kahana 24,7 Ein Gleichnis erzählt von einem Königssohn, der sich eine Hundert-Tage-Reise von seinem Vater entfernt hatte. Seine Freunde sagten zu ihm: „Kehre um zu deinem Vater!“ Er antwortete ihnen: „ Ich schaffe es nicht mehr.“ Da sandte sein Vater zu ihm und ließ ihm ausrichten: „ Gehe soweit zurück, wie du kannst, wie es deinen Kräften entspricht, ich werde dir den Rest des Weges entgegenkommen.“ So sagt Gott – Gottes Heiligkeit sei gepriesen – zu Israel: „ Kehrt zu mir um, dann will ich zu euch zurückkehren.“ Persikta Rabbati 44
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